Eure Religionen stellen sich gegen die Existenz. Sie erzählen euch, daß Sex Sünde sei und Keuschheit eine Tugend. Und dabei weiß doch jeder, wie diese Keuschheit in den Klöstern aussieht und welche Keuschheit die Bischöfe und Priester einhalten!
Kürzlich habe ich erfahren, daß ein christlicher Geistlicher für eineinhalb Jahre ins Gefängnis mußte, weil er auf der Kanzel Keuschheit predigte, aber mit einem fünfzehnjährigen Jungen beim Sex erwischt wurde. Jetzt haben auch andere Jugendliche gestanden, daß er mit ihnen das gleiche gemacht hat.
Einer der letzten Päpste war ein Homosexueller. Er war Bischof in Mailand gewesen, und jeder wußte von seiner Homosexualität, weil sein Liebhaber immer mit ihm zusammen gesehen wurde. Als er Papst wurde, kam auch sein Freund von Mailand in den Vatikan und wurde sein Sekretär ... Diese Leute werden auch weiterhin Keuschheit predigen, und sie werden euch damit verrückt machen. Sie haben schon die ganze Menschheit verrückt gemacht.
Deswegen sage ich: Sex ist Verspieltheit, er ist Spaß. Du kannst diese Vorstellung, daß er Spaß ist, nicht akzeptieren, weil man dich darauf konditioniert hat, daß er Sünde sei. Es ist ein Quantensprung von der Sünde zum Spaß! Aber was kann ich dafür? Er ist nun mal ein Spaß!
Du wirst deine Konditionierung aufgeben müssen. Und du wirst dadurch nichts verlieren; du wirst nur gewinnen, wenn du die Idee der Sünde aufgibst. Obwohl du wußtest, daß es Sünde war und Keuschheit eine Tugend, hast du weiter Liebe gemacht. Was beweist das? – Daß diese Ideen deine Natur nicht verhindern können. Aber sie können dein Denken vernebeln. Wenn du Liebe machst, ist dein Denken von all diesen Ideen eingenebelt.
Die Priester haben es nicht geschafft, den Sex aus der Welt zu schaffen, aber sie haben ihn vergiftet. Der Mann ist gespalten, die Frau ist gespalten, wenn sie sich lieben. Ihre Köpfe sind in einen dichten Nebel von allerlei sexfeindlichen theologischen Konzepten gehüllt, während ihre Körper sich in Liebe begegnen. Sie sind nicht völlig anwesend.
Es ist kein psychisches Leiden, daß Männer vorzeitig ejakulieren. Es ist ein religiöses Leiden, denn der Kopf ist so voller Angst, eine Sünde zu begehen – macht schnell! Bringt es möglichst schnell hinter euch! Die ganze Schuld liegt bei Jesus, Mohammed, Mahavira. Es ist nicht eure Schuld, wenn ihr vorzeitig ejakuliert; es geht auf das Konto der Religionen. Ihr habt es nicht geschafft, keusch zu bleiben – die Natur hat euch gezwungen. Aber ihr könnt auch nicht freudig und spielerisch im Sex sein, weil der Kopf euch ständig von beiden Seiten bedrängt und euch einredet, etwas sei verkehrt.
Ihr solltet mal einen Film drehen, wie ihr mit eurer Frau oder Freundin Liebe macht, und euch diesen Film gelegentlich ansehen. Ihr würdet euch wundern, wie verkrampft euer Gesicht aussieht! Es ist, als wäret ihr in größter Eile, als ob man euch dazu zwingt, als ob euch jemand von hinten eine Pistole ansetzt: »Mach jetzt Liebe, sonst...« Und schaut euch das Gesicht der Frau an: Sie scheint einen Anfall zu bekommen; ihr Gesicht ist ganz verzerrt. Das ist kein Orgasmus – das ist reiner Schwachsinn!
Die Frau denkt, du bist ein alter Schmutzfink. Doch weil sie deine Frau ist, ist es ihre Pflicht ... darum erfüllt sie ihre Pflicht, wohl wissend, daß es Sünde ist. Wie kann diese Frau zum Orgasmus kommen? Sie ist gar nicht anwesend. Sie liegt fast wie eine Leiche im Bett. Und kein Mann will, daß die Frau sehr aktiv wird, weil sie dann keine Dame mehr ist.
Die Frau hat ein anderes Tempo. In der Natur haben Männchen und Weibchen das gleiche Tempo. Die Tiere kommen gleichzeitig zum orgasmischen Höhepunkt, weil sie noch nicht vernommen haben, daß Liebe Sünde sei – darum haben sie es nicht eilig.
Euer Kopf verurteilt das, was ihr tut; er drängt euch zur Eile. Und die Frau hat ein langsameres Tempo. Sie hat einen viel subtileren Mechanismus; ihr ganzer Körper ist erregbar. Der Mann ist in dieser Hinsicht ärmer. Nur sein Genital ist erregbar; der übrige Körper ist nur ein Anhängsel für das Genital, damit es funktionieren kann.
Doch bei der Frau ist der ganze Körper erregbar. Und natürlich braucht der ganze Körper länger, bis er vor Freude pulsiert, bis er warm geworden ist. Bis die Frau anfängt, etwas zu spüren, ist der Mann schon am Schnarchen. Er hat seinen Job erledigt, hat die Akte geschlossen und ist eingeschlafen – und nicht nur das: Er schnarcht. Viele Frauen haben mir berichtet, daß sie nach dem Sex verzweifelt sind und weinen. Wer würde nicht verzweifelt weinen bei einem solchen Kerl? Die Frau ist nicht gekommen, und der Mann ist hinüber!
Durch eure religiösen Lehren ist Sex für den Mann zu einer Art Schlafmittel geworden. Es entspannt ihn, er verausgabt sich; dann ist keine Energie mehr übrig für das Denken, und es kann nicht mehr weiterrattern und ihn wachhalten. Er schläft ein.
Dazu ist Sex nicht da – als Schlafmittel! Dazu könnt ihr euch jede Sorte, jede beliebige Marke besorgen – dazu braucht ihr keine Frau. Es ist beleidigend, eine Frau als Schlafmittel zu benutzen.
Wenn es das Geburtsrecht der Frau ist, die wunderbarste Ekstase zu erleben: das orgasmische Gefühl, das Verschwinden des Egos, das Stillstehen der Zeit, den Eintritt in die völlige Stille – eine solche Explosion der Freude, daß es aus ihr hervorbricht ... wenn das ihr Geburtsrecht ist, und das ist es, dann wird der Mann wieder in die Schule gehen müssen. Er muß das Vorspiel lernen – vor dem Liebesakt zuerst mit dem Körper der Frau zu spielen, bis sie warm wird und vor Erregung bebt. Und erst wenn er spürt, daß der ganze Körper bereit ist – erst dann sollte er loslegen. Und während ihr Liebe macht, laßt die Bibel beiseite! Ich glaube nicht, daß irgend jemand Liebe machen kann, wenn die Bibel dazwischenfunkt. Vergeßt den ganzen Quatsch, den man euch erzählt und beigebracht hat. Macht den Sex zu einem behutsamen, langsamen, entspannten Spiel.
Einen Mann, der eine Tasse Tee in einem Zug hinunterschüttet und gleich damit fertig ist, würdet ihr einen Idioten nennen. Er wird sich den Mund verbrennen, und der ganze Tee ist vergeudet. Er hat keine Ahnung, wie man Tee trinkt: Man muß ihn Schlückchen für Schlückchen trinken, und nicht hinunterkippen!
Laßt euch Zeit. Wartet so lange, bis die Frau ebenfalls bereit ist, und gesteht der Frau ihr Frausein zu! Befreit sie, bitte, von dem Etikett der Dame! Laßt sie ebenfalls aktiv sein, denn wenn sie aktiv ist, wird sie früher an den Punkt des Orgasmus kommen. Wenn sie wie tot daliegt, braucht ihr gar nicht zu hoffen...
Und merkt euch noch eine dritte Sache: Wenn der Orgasmus stattgefunden hat und beide vor Freude überfließen, dann sollte noch der letzte Teil vollendet werden – der Anhang, das Nachspiel. Die Frau hat dir so viel Freude gegeben, der Mann hat dir so viel Freude gegeben – doch ihr sinkt in den Schlaf, ohne euch dafür zu bedanken, ohne Dankbarkeit zu zeigen. Die beste Art, eure Dankbarkeit zu zeigen, ist das Nachspiel: Spielt wieder mit dem Körper der Frau, und laßt auch die Frau mit eurem Körper spielen.
Und denkt nicht, nur Prostituierte dürften aktiv sein, nur Prostituierte dürften mit eurem Körper spielen. Jede Frau hätte Spaß daran, mit eurem Körper zu spielen, aber sie hat Angst, man könnte sie für eine Prostituierte halten. Und seht ihr nicht die einfache Tatsache, daß selbst Männer, die sehr schöne Ehefrauen haben, zu Prostituierten gehen? Warum? Weil man dort keine Damen antrifft.
Aber diese ganze verkorkste Situation habt ihr euch selber eingebrockt. Die Prostituierte gibt euch größere Befriedigung als die Ehefrau, weil sie dafür bezahlt wird, euch völlig zufriedenzustellen. Sie ist ein Profi. Eure Frau hingegen ist Amateurin, so wie ihr Amateure seid.
Inzwischen gibt es auch männliche Prostituierte, speziell in Kalifornien. Kein Problem also – wenn ihr zu einer Prostituierten geht, kann eure Frau das genauso tun! Sie kann zu einem männlichen Prostituierten gehen, und er wird ihr eine größere Befriedigung verschaffen, einfach weil er ein professioneller, geübter Mann ist, der sämtliche Methoden kennt, wie man Frauen zum Höhepunkt bringt. Das sollten alle Liebenden können!
Meiner Ansicht nach werden die Prostituierten aus der Welt verschwinden, wenn der Sex zum Spaß wird. Keine Frau braucht so tief zu sinken, daß sie ihre Liebe verkauft. Laßt wenigstens eine Sache, die Liebe, aus dem Geschäft heraus! Wenigstens eine Sache, die keine Ware auf dem Marktplatz ist! Die Liebe hat kein Preisschild. Sie ist etwas ungeheuer Kostbares, aber sie hat keinen Preis.
Ein Mann, der zu einer Prostituierten geht, ist in seinen eigenen Augen gefallen. Und eine Frau, die sich als Prostituierte hergibt, fühlt sich in ihrer tiefsten Seele schlecht, weil sie etwas verkauft, das unbezahlbar ist.
Aber denkt daran: Die Priester und die Prostituierten werden gemeinsam verschwinden. Die Priester sind diejenigen, die Millionen von Frauen zur Prostitution gezwungen haben. Sie sind es, die den Gedanken der Sünde in euer Gehirn gepflanzt haben! All diese Dinge sind miteinander verbunden, und ich gehe immer an die Wurzeln. Darum lege ich so großen Wert darauf: Macht den Sex zu einem Spiel, zum Spaß.
Und seit die Pille erfunden wurde, ist es kein Problem mehr; ihr braucht keine Angst mehr zu haben wegen der Kinder. Jetzt ist es nur noch Spaß, ohne Verpflichtung, ohne nachfolgende Probleme. Genießt es! Und laßt euren Kopf beiseite! Sagt dem Priester, der euch ständig mit seinem Blabla in den Ohren liegt, er soll zur Hölle gehen! Während ihr Liebe macht, hält er in eurem Kopf die Sonntagspredigt!
Nein! Die Liebe ist ein so herrliches Phänomen, daß ihr die Kunst des Liebens erlernen solltet, genauso wie ihr die Kunst des Lebens erlernen solltet.
Wenn ihr es einrichten könnt, solltet ihr für die Liebe einen eigenen Raum haben, denn es ist ein Tempel. Und wenn ihr euren Liebestempel betretet, solltet ihr die Schuhe draußen lassen – und den Kopf ebenfalls. Stellt ihn neben die Schuhe. Und bevor ihr Liebe macht, nehmt eine schöne Dusche und reinigt euch. Meditiert ein paar Minuten. Macht es zu einem wunderbaren Erlebnis. Nehmt in dem Zimmer kein elektrisches Licht, sondern Kerzen. Nehmt ein bißchen Duft, wie in einem Tempel; verbrennt Räucherstäbchen. In eurer Liebeskammer solltet ihr nichts anderes tun – kein Streiten, kein Argumentieren. Wenn ihr nicht in guter Stimmung seid, ist es besser, den Liebestempel nicht zu betreten.
Ihr seid in so vielen Dingen unbewußt. Im selben Bett, in dem Mann und Frau sich zum Schlafen hinlegen, streiten sie auch, argumentieren sie, bewerfen sich mit Kissen, und dann lieben sie sich wieder – alles im selben Bett. Sie verstehen nicht, daß jede Handlung, jeder Gedanke, jedes Gefühl seine eigene Schwingung hat. Eure Liebeskammer sollte von den Schwingungen der Liebe erfüllt sein.
Ich möchte, daß die Liebe euer einziger Gott ist. Und mit Gott braucht man nicht ernsthaft zu sein! Man muß spielerisch und voller Freude sein. Es geht einfach darum, daß ihr versteht, was es mit euch macht – und das Verstehen allein verändert alles.
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Das Schloss
"Stellen Sie sich vor, dass Sie ein prachtvolles Schloß sind mit langen Fluren und tausenden von Zimmern. Jedes Zimmer im Schloß ist vollkommen und enthält ein besonderes Geschenk. Jedes Zimmer stellt einen anderen Aspekt von Ihnen dar und ist ein integraler Bestandteil dieses vollkommenen Schloßes. Als Kind haben Sie jeden Zentimeter Ihres Schloßes erforscht, ohne Scham, ohne zu urteilen. Furchtlos haben Sie in jedem Zimmer nach seinen Edelsteinen und seinem Geheimnis gesucht. Alle Räume gehörten dazu, die Abstellkammer, das Schlafzimmer, die Toilette und der Keller. Jedes Zimmer war einzigartig. Das Schloß war voller Licht und Liebe und Sie staunten über die Fülle. Dann kam eines Tages jemand in Ihr Schloß, der sagte, dass mit einem Zimmer etwas nicht in Ordnung sei, es gehöre sicherlich gar nicht zum Schloß. Er machte den Vorschlag, dass Sie die Tür zu diesem Zimmer verschließen sollten, falls Sie ein perfektes Schloß haben wollten. Da Sie sich nach Liebe und Angenommensein sehnten, schlossen Sie diesen Raum schnell zu. Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Leute in Ihr Schloß. Sie ließen Sie wissen, welche Zimmer sie mochten und welche nicht. Und allmählich schlossen Sie eine Tür nach der anderen zu. Die wunderbaren Räume wurden abgesperrt und der Dunkelheit überlassen. Ein Kreislauf hatte begonnen.
Seitdem haben Sie immer mehr Türen aus den verschiedensten Gründen verschlossen, weil Sie Angst hatten oder weil Sie glaubten, ein Zimmer wäre zu auffallend. Sie schlossen Räume, weil Sie zu konservativ waren oder weil andere Schlösser kein solches Zimmer besaßen. Sie schlossen Türen, weil Ihnen religiöse Autoritäten gesagt haben, solche Zimmer dürften Sie nicht betreten. Sie machten die Tür zu jedem Raum zu, der nicht den Normen der Gesellschaft oder Ihrem eigenen Ideal entsprach.
Die Tage waren vorrüber, als Ihr Schloß grenzenlos zu sein schien und die Zukunft aufregend und hell. Sie kümmerten sich nicht mehr mit der gleichen Liebe und Bewunderung um jedes Zimmer. Räume, auf die Sie einmal stolz gewesen waren, mußten jetzt verschwinden. Sie wollten diese Zimmer irgendwie loswerden, aber sie gehörten ja zum Schloß. Nachdem Sie nun die Türen zu allen Zimmern verschlossen hatten, die Sie nicht mochten, vergaßen Sie im Laufe der Zeit, dass diese Räume überhaupt existierten. Am Anfang merkten Sie gar nicht, was Sie da taten. Es wurde einfach eine Gewohnheit. Da Sie von aller Welt Botschaften bekamen, wie ein richtiges Schloß auszusehen habe, wurde es viel leichter, auf sie zu hören, als Ihrer eigenen Stimme zu vertrauen, die Ihr ganzes Schloß liebte. Diese Zimmer zu verschließen, gab Ihnen ein Gefühl der Sicherheit. Es dauerte nicht lange und Sie stellten fest, dass Sie nur in einigen wenigen Räumen lebten. Sie hatten gelernt, wie man das Leben ausschließen konnte und richteten sich bequem darin ein.
Viele von uns haben so viele Zimmer verschlossen, dass wir vergessen haben, einst ein Schloß bewohnt zu haben. Wir begannen zu glauben, wir seien ein kleines, reparaturbedürftiges Haus mit zwei Zimmern.
Stellen Sie sich nun vor, dass Sie in Ihrem Schloß alles beherbergen, was Sie sind, das Gute und das Schlechte und dass jeder Aspekt, der auf diesem Planeten existiert, auch in Ihnen existiert. Ein Zimmer ist Liebe, ein anderes Mut, eines ist Eleganz, ein anderes Anmut. Es gibt endlos viele Zimmer: Kreativität, Weiblichkeit, Ehrlichkeit, Integrität, Gesundheit, Selbstbehauptung, sexuelle Anziehung, Kraft, Schüchternheit, Hass, Gier, Frigidität, Faulheit, Arroganz, Krankheit und Bosheit. Sie alle sind Zimmer in Ihren Schloß. Jeder Raum ist ein Teil des Gebäudes und hat irgendwo im Schloß ein Gegenstück. Glücklicherweise sind wir nie zufrieden, wenn wir weniger sind, als wir sein können. Unsere Unzufriedenheit mit uns selbst motiviert uns, nach all diesen verlorenen Zimmern in unserem Schloß zu suchen. Wir können nur dann den Schlüssel zu unserer Einzigartigkeit finden, wenn wir alle Zimmer im Schloß aufsperren."
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Wieder fühlen lernen
Wie fühlst du dich in diesem Augenblick? Fühlst du dich überhaupt? Wenn du diese Fragen spontan mit Ja beantworten kannst, bist du eine glücklich Ausnahme - denn die meisten unserer Zeitgenossen haben es verlernt, auf ihre Gefühle zu achten und sich auf’s Denken verlegt. Dabei würden viele Probleme und fast all unser Leid erst gar nicht entstehen, wenn wir wieder fühlen lernen und unser Herz öffnen, statt uns den Kopf zu zerbrechen.
Angst vor Gefühlen?
Vor nichts in der Welt haben wir so große Angst wie vor Gefühlen. Wir meinen zwar, es seien Tatsachen, vor denen wir uns fürchten - wie etwa im Job gekündigt zu werden, ohne Geld dazustehen, den Partner zu verlieren, einen Unfall zu haben oder in einem Prozess zu verlieren… Irrtum! In Wirklichkeit haben wir Angst vor den Gefühlen, die so eine Situation in uns auslöst - wer will sich schon gern hilflos, ausgeliefert, lächerlich, elend, im Stich gelassen, gedemütigt fühlen…!?
Nehmen wir mal an, ein anderer Mensch signalisiert mir durch sein Verhalten Ablehnung oder spricht es sogar unverblümt aus: „Ich mag dich nicht!“ Prompt fühle ich mich selbst abgelehnt, halte Ablehnung für eine meine Person betreffende Tatsache. Deshalb leide ich und wehre ich mich oder flüchte. Dabei ist das, was mir jetzt so wehtut, in Wirklichkeit mein eigenes Gefühl, ausgelöst durch eigene Erinnerungen oder Gedanken. Wäre mir das in diesem Augenblick bewusst, dann könnte ich es fühlen, anstatt alles zu tun, um vor diesem schlimmen Gefühl davonzulaufen.
Fühlen tut gut
… paradoxerweise auch und gerade wenn es sich um ein unangenehmes Gefühl handelt. Den Schmerz der Ablehnung bewusst zu fühlen, bedeutet, ihn mit Aufmerksamkeit zu berühren, ihn nach Hause zu holen ins Herz, in unser fühlendes und mitfühlendes Zentrum. Es bedeutet, das Leid zu beenden. Denn unser Leid entsteht genau dadurch, dass wir unseren Schmerz nicht fühlen wollen. Lieber verdrängen wir ihn immer wieder aufs Neue, wehren ihn ab oder flüchten. So wird unsere Angst vor dem Schmerz immer größer, und wir leiden darunter, dass wir uns wehren müssen, dass wir Andere verletzen müssen mit wütenden Handlungen oder Worten oder indem wir den Kontakt zu ihnen blockieren oder ganz abbrechen. Und all dies geschieht aus Angst vor einem Gefühl.
Bewusstes Fühlen
… macht uns lebendig. Überall, wo wir nicht fühlen, ist unsere Lebensenergie und damit unsere Lebensfreude und Lebendigkeit eingeschränkt. Wie aber fühlt man bewusst?
Angenommen du ärgerst dich gerade sehr, und ich sage zu dir: „Du musst deinen Ärger einfach FÜHLEN!“ - dann wirst du mir wahrscheinlich antworten: „Spinnst du? Ich spüre ihn doch schon die ganze Zeit!“… und du wirst fortfahren, über die Situation oder die Person zu schimpfen, worüber du dich ärgerst, und verlangen, dass sie sich ändern sollte. Du richtest deine Aufmerksamkeit also auf das Objekt im Außen, das deinen Ärger geweckt hat.
Wenn ich mich aber bemühe, meinen Ärger bewusst zu fühlen, dann richtet sich meine Aufmerksamkeit nach Innen. Dann spüre ich meinen Atem, meinen Körper, dann erlebe ich bewusst all die Anspannungen in mir, die dieser Ärger auslöst. Und je aufmerksamer ich erforsche, wie sich das in mir anfühlt, desto mehr verschiebt sich meine Identifikation. Bis ich nicht mehr die Person bin, die sich einfach ärgert, sondern jene, die diese Emotion bewusst erlebt. Erst war ich vollständig identifiziert mit dem Ärger - nun bin ich identifiziert mit etwas, das größer ist als der Ärger. Zuerst war ich „purer Ärger“ - jetzt ist auch der Rest meiner selbst wieder eingeblendet. Nun kann ich meinen Ärger aus einer anderen Position heraus betrachten. Mein Herz kann sich diesem Gefühl öffnen, und plötzlich regen sich vielleicht Verständnis und Respekt für meinen Ärger… Durch diese innere Öffnung kann dann der Schmerz auftauchen, der unter dem Ärger lag - das, was mir so wehgetan hat, dass ich mit Ärger reagiert habe - beispielsweise das Gefühl von Ungerechtigkeit oder Demütigung oder Ablehnung.
Indem ich diesen Schmerz fühle - ganz bewusst, ganz aufmerksam und vollständig - heile ich mich selbst: Ich entdecke, dass das, wovor ich mich die ganze Zeit gefürchtet habe, ein schmerzhaftes Gefühl und keine Tatsache ist. Ich berühre diesen Schmerz mit meinem Atem und meiner Aufmerksamkeit und nehme ihn in mein Herz. Das ist ein Augenblick der Heilung, der Heimkehr. Die großen Meister oder Bewusstseinslehrer nennen das „Ganzwerdung“. Die Psychologen bezeichnen es nüchterner als „Integration abgespaltener Persönlichkeitsanteile“. Der Schmerz, ein Teil meiner selbst, den ich vorher ausgeblendet hatte, gehört jetzt wieder zu mir.
Interpretationen
Fühlen ist aber noch mehr, als das Spüren einer Emotion. Fühlen ist das allererste, unmittelbare innere Erleben unserer gesamten Umwelt. Bevor wir etwas mit den Sinnesorganen wahrnehmen und dann mit dem Verstand interpretieren, fühlen wir es bereits. Wir haben jedoch nicht gelernt (oder verlernt), auf dieses erste Fühlen zu achten. Unsere Aufmerksamkeit ist nicht dort, wo es stattfindet - nämlich in uns selber - sondern konstant auf die Außenwelt gerichtet und in Gedanken absorbiert.
Wenn ich einem Menschen zum ersten Mal begegne, entsteht in mir ein spontaner erster Eindruck - ausgelöst durch Aussehen, Haltung, Geruch, Stimme oder Sprechweise dieses Menschen. Blitzartig, unbewusst und automatisch verbinde ich diese Informationen mit vergangenen, in meiner Psyche gespeicherten Erfahrungen und beginne zu vergleichen und zu deuten. Das läuft so ähnlich ab, wie bei der Interpretation eines fremden Wortes, das ich zum ersten Mal sehe - eine Folge von Buchstaben, die zunächst keinen Sinn ergibt, aber blitzschnell und automatisch verglichen wird mit ähnlichen Buchstabenfolgen. Zur Veranschaulichung ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: Als Kind kam ich öfter nach Belgien. Dort gab es Schilder neben der Straße mit der Aufschrift „voor onze kinderen“ - und ich verstand gleich beim Lesen, dass hier irgendetwas „für unsere Kinder“ gemeint ist. Damit lag ich richtig. Auf anderen Schildern stand „schijf verplicht“ - und ich war sicher, dass es sich hier um etwas Schiefes handeln müsse, das verpflichtend sei. Falsch interpretiert. Denn „schijf“ heißt auf Flämisch „Scheibe“ - es bedeutet also „Parkscheibe vorgeschrieben“.
Projektionen
Ähnlich ergeht es uns beim ersten Eindruck von einer anderen Person. Manches interpretieren wir richtig, manches völlig falsch. Weil diese innere Bewertung aber völlig automatisch und unbewusst abläuft, kann sich ein falsches Bild über das richtige schieben, ohne dass wir es überhaupt bemerken. Dann meinen wir, die Person objektiv wahrzunehmen - dabei sehen wir nur unsere eigene Projektion, auf die wir dann emotional reagieren: Ich sehe in dir einen Feind, der mir etwas wegnehmen will, also wappne ich mich und reagiere verschlossen oder aggressiv. Oder ich sehe in dir eine liebe, mütterliche Person, und deshalb vertraue ich dir meine Sorgen an. Die Wirklichkeit könnte aber vielleicht genau umgekehrt sein: der Mensch, gegen den ich mich schütze oder verteidige, ist eigentlich lieb und mütterlich und will mir nur Gutes - und die scheinbar liebe und mütterliche Person ist in Wirklichkeit eifersüchtig auf mich und will mir etwas wegnehmen. Mein allererstes und unmittelbares Fühlen hätte mir das zwar mitgeteilt - ich nehme es aber nicht wahr, weil ich meine Aufmerksamkeit nicht auf das innere Fühlen, sondern auf das Interpretieren von Sinneseindrücken gerichtet habe.
Die meisten unserer Beziehungen entstehen und gestalten sich auf Grund solcher falschen oder verzerrten Wahrnehmungen. Anstatt einander zu spüren, wie wir wirklich SIND, projizieren wir eigene Bilder und Gedanken auf einander und reagieren darauf. Daraus entstehen unsere Kriege, unsere Missverständnisse, unsere zwischenmenschlichen Probleme.
Wie aber können wir lernen, einander wirklich wahrzunehmen? Dazu müssen wir erstmal lernen, überhaupt zu fühlen.
Blitzwahrnehmung
Fühlen ist die einfachste, die direkteste, elementarste Art des Erlebens und Wahrnehmens zugleich. Würden wir unsere Aufmerksamkeit mehr auf dieses unmittelbare, spontane Fühlen richten, könnten wir uns viel Nachdenken, Forschen, Analysieren, Diskutieren und einen Großteil unserer Probleme und Dramen sparen. Wenn ich z.B. einem Menschen begegne, liefert mir meine allererste innerste Spontanreaktion bereits viele Informationen über ihn und die Art unserer Beziehung, die ich mir denkend, interpretierend und analysierend mühsam und über Umwege erarbeiten müsste. Wenn ich einen Raum betrete - etwa eine Wohnung, die ich mieten will - dann kann ich fühlen, ob sie mir gut tut oder nicht, also ihre Grundatmosphäre und ihre bioenergetische Qualität wahrnehmen. Ich kann auch fühlen, ob mich ein Nahrungsmittel beleben oder belasten wird, oder ein Getränk, oder ein Medikament… und so fort. Das vereinfacht das Leben natürlich enorm und stellt es auf eine gesündere Basis. Jedoch gibt es zwei Voraussetzungen, damit wir die auf diesem direkten Weg gewonnenen Informationen auch nutzen können:
a) wir müssen mit unserer Aufmerksamkeit dort sein, wo Fühlen stattfindet;
b) wir dürfen das, was wir fühlen, nicht durch ungenaue Interpretation verfälschen.
3 Schritte zum Fühlen
Wo ist dieser Ort, an dem Fühlen stattfindet? Um den zu erreichen, muss man die Aufmerksamkeit nach innen richten statt nach außen - sie sozusagen umkehren.
1. Schritt: Anstatt deine Umwelt durch die Brille deiner Gedanken und Emotionen zu betrachten, richte die Aufmerksamkeit in deinen Körper. Das gelingt am schnellsten und mühelosesten, wenn du dich auf deinen Atem konzentrierst. Du verlagerst deine Wahrnehmung einfach weg von der Gedankensphäre hin zu deinem Atem - und schon bist du bei dir selber angekommen, in der Gegenwart, spürst deinen Körper, nimmst Sinneseindrücke wahr. Gedanken mögen noch da sein, sie finden aber jetzt auf einer anderen Ebene statt, weil sie keine Aufmerksamkeit bekommen. Sie sind im Moment unwichtig. Das ist der Anfang des Fühlens.
2. Schritt: Aus diesem Zustand der Selbstwahrnehmung heraus kannst du deine Aufmerksamkeit nun auch auf etwas im Außen erweitern - zum Beispiel auf den Raum, in dem du dich befindest, oder auf ein bestimmtes Bild, oder auf eine Landschaft, oder auf eine Musik, ein Lied, ein Gedicht… oder auf einen bestimmten Menschen, den du magst… oder einen, mit dem du Probleme hast… oder auf ein bestimmtes Thema, das dir Kopfzerbrechen oder Ärger bereitet. Beobachte, was sich dabei in deinem Körper abspielt: Immer wenn du deine Aufmerksamkeit von einer Sache zur anderen oder von einer Person zur anderen verlagerst, wirst du mehr oder weniger subtile Veränderungen sowohl beim Atem als auch im Körper spüren. Wenn du diese ganz feinen Veränderungen klar und deutlich wahrnehmen kannst, dann gehe weiter zum…
3. Schritt: Jetzt beginne zu üben, bei dem jeweiligen Körper- und Atemzustand zu verweilen und ihn kennenzulernen. Wenn du das aufmerksam und geduldig tust, wirst du in jedem dieser körperlichen Zustände auch ein Gefühl, eine Emotion entdecken. Mit der einen Sache fühlst du dich so, mit der anderen anders, mit einer dritten wieder anders… Fange nicht an zu überlegen, ob dieses Gefühl etwas über dich selbst, die Sache oder die Person aussagt, an die du denkst - je mehr du interpretierst, desto mehr verlagerst du dich wieder ins Denken und entfernst dich vom eigentlichen Fühlen.
Für mich ist die wichtigste Grundübung zum Fühlen, immer wieder meinen Atem zu spüren. Wo immer ich bin, erinnere ich mich: Atem spüren! Jeder bewusste Atemzug ist wie eine Heimkehr, bringt mich zu mir selbst zurück, in die Gegenwart, in meine Körperwohnung, wo mein Selbst zu Hause ist. Hier ist der Ort, wo Fühlen stattfindet!
Beherrscht vom Gefühl?
Fühlen in diesem Sinne bedeutet ganz etwas Anderes, als von Gefühlen beherrscht zu sein. Überschießende Emotionen sind sozusagen Sekundärgefühle, entstanden durch unsere eigenen Gedanken (anstelle des ursprünglichen Fühlens, was eine Art reiner Wahrnehmung ist). Zum besseren Verständnis ein letztes Beispiel:
Ich bin grantig auf dich, weil du mein Verhalten kritisiert hast. Mein Ärger beherrscht mich - ein äußerst unangenehmer Zustand. Deshalb sinne ich unentwegt darüber nach, wie ich diesen Zustand ändern kann: Ich könnte mich rächen und dich auf deine eigenen Fehler hinweisen, in der Hoffnung, dass ich mich dann wieder gut fühle - ich könnte es „schönreden“, indem ich mir sage, du hättest es ja nicht böse gemeint und überhaupt sei Kritik ja etwas Lehrreiches - ich könnte dich einfach anschreien oder mich betrinken oder dorthin auswandern, wo mich niemand mehr kritisiert und mich alle so nehmen, wie ich bin… Was immer ich auch denke oder tue, während ich mich ärgere - es geschieht aus einer Art Besessenheit heraus. Ich bin besessen von meinem Ärger.
Der Ärger bezieht sich in Wirklichkeit aber gar nicht auf dich, sondern auf mein eigenes Gefühl. ICH fühle mich nämlich schlecht, schuldig oder minderwertig, wenn jemand mich kritisiert. Und dieses Gefühl kann und will ich nicht fühlen, weil ich es unbewusst für eine Tatsache halte. Das heißt, dein Verhalten aktiviert einen meiner negativen Glaubenssätze über mich selbst, den ich irgendwann in ferner Vergangenheit (meist Kindheit) geprägt habe. „Ich bin schlecht.“ „Ich bin nichts wert.“ … oder Ähnliches. Das kann und will ich gar nicht fühlen, denn es ist eine existenzielle Katastrophe, wertlos zu sein.
Fühlen heilt
Wenn ich mir aber bewusst mache, dass ich nicht wertlos BIN, sondern mich wertlos FÜHLE, kann ich mein Herz für dieses Gefühl öffnen. Sobald ich es fühle, berührt es mein Innerstes, und mein Herz wird reagieren - mit einer Regung von Mitgefühl, Erbarmen, Respekt, Verständnis oder was immer dieses Gefühl vom Herzen braucht. Jedesmal, wenn so etwas geschieht, vollzieht sich eine große innere Wandlung. Von jemandem, der unbewusst davon überzeugt war, wertlos zu sein, verwandle ich mich in jemanden, der sich wertlos fühlt und dafür Erbarmen und Verständnis hat. Was für ein Unterschied! Man muss ihn erlebt haben, um zu verstehen, dass dies der alles entscheidende Unterschied ist in unserer Beziehung zu uns selbst, unseren Mitmenschen und unserem Schicksal.
Nun, da mein Herz offen ist für mein eigenes Gefühl, ist es auch offen für andere. Jetzt kann ich auch den Menschen wahrnehmen, der den Ärger in mir ausgelöst hat; ich kann fühlen, wie er sich fühlt, ohne eine eigene emotionale Reaktion davor zu schieben. Vielleicht war auch der Andere, als er mich kritisierte, von irgendeinem Ärger beherrscht. Vielleicht empfand er mein Verhalten ebenfalls herabwürdigend oder verurteilend. Vielleicht habe auch ich im Anderen ein Gefühl von Schlechtigkeit oder Minderwertigkeit ausgelöst. Jetzt kann ich auch der anderen fühlenden Person mein Herz öffnen, ohne dass es mir wehtut oder mich schädigt - im Gegenteil, es berührt mich und ist letztlich ein schönes Erlebnis. Das Erlebnis von Mitgefühl und Liebe.
Fühlen heilt. Bewusstes Fühlen eint uns, bringt unsere verschiedenen Schichten zusammen und verschafft uns ein Gefühl von Ganzheit und Lebendigkeit - und zwar unabhängig davon, WAS wir fühlen und WIE wir uns fühlen .
Safi Nidiaye
… war Sängerin, später Zeitschriften- und TV-Journalistin, heute Schriftstellerin, Dichterin und Meditationslehrerin, ist eine der meistgelesenen deutschsprachigen Autorinnen im Bereich psychospiritueller Lebenshilfe. Seit Beginn der 90er Jahre leitet sie Seminare, Meditations- und Trainingsgruppen. Mit der körperzentrierten Herzensarbeit, die sie in Büchern, Seminaren und Jahreskursen lehrt, hat sie eine ebenso einfache wie tiefgreifende Methode entwickelt, wieder fühlen zu lernen, verdrängte Emotionen ans Tageslicht zu befördern und sein Herz zu öffnen.
www.safi-nidiaye.de